ThB Theresa Beitl

HEIDEHUS BODMEN im Wallis (CH)
Ausstellung KLEIN*VIEH im historischen Heidehus in CH-3997 Bellwald bis 31.01.2018. Anmeldung erwünscht bei Andrea Messerli unter Tel: +41/(0)76 228 80 97...mehr
GALERIE GASSERBÄCK Gmünd (A)
Ausstellung KUHPORTRÄTS - MALEREI und ZEICHNUNG bis 31.10. Künstlerstadt Gmünd i.Kärnten, am Hauptplatz ...mehr
OFFENE ATELIERS Sigmaringer1art
OFFENE ATELIERS in unserem Atelierhaus am SONNTAG, dem 26.11. von 13-20h; Sigmaringer Strasse 1 in 10713 Berlin-Wilmersdorf...mehr

Text von Dr. Jürgen Baumgarten

 

Theresa Beitl  -  eine Malerin zwischen Großstadt und Alpen

 Kuh und Stier sind seit einigen Jahren das bevorzugte Objekt der Malerei von Theresa Beitl. Mit dieser Motivwahl betreibt die in Berlin lebende Künstlerin, Tochter des Germanisten und Volkskundlers Richard Beitl, sicherlich nicht das, was man für vergangene Jahrhunderte als Genre- oder Bauernmalerei bezeichnet. Wir sollten ihre Bild-Kühe und Stiere als ein Beispiel verstehen für die verlorene Nähe zur Natur und anderen Kreaturen, aber auch als einen Hinweis auf die Möglichkeit der Wiederannäherung.

Mensch und Natur, Mensch und Tier – das sollte eine Einheit des Lebens sein oder mindestens eine symbiotische Beziehung. Und das war es auch über Jahrtausende. Aber wir modernen Menschen, Stadtmenschen, haben uns herausgelöst aus dieser Beziehung, der Mensch des industriellen und erst recht des nachindustriellen Zeitalters versteht sich nicht mehr als Naturwesen, der Prozess der Zivilisation hat ihn der Natur und den anderen Geschöpfen entfremdet. Diese Entwicklung erfährt zu unseren Lebzeiten eine Beschleunigung, die uns im wörtlichen Sinne den Boden unter den Füßen wegzieht. Alles das, was unter dem Schlagwort Globalisierung gefasst wird, bedeutet eine Entstofflichung unseres Lebens, eine Entkonkretisierung und Entgegenständlichung unseres Daseins. Es entsteht die virtuelle Welt, seit neuestem „Second Life“ genannt. Wir haben uns in ihr eingerichtet, freiwillig oder notgedrungen, und verdienen in ihr unseren Lebensunterhalt. Wir werden diesen Prozess wohl nicht mehr umkehren können -- oder vielleicht doch? Warum denn tragen wir den Traum vom natürlichen Leben immer noch in uns? Warum sonst streben wir im Urlaub auf die einsame Insel oder die abgelegene Hochalm, warum sonst verspüren wir in uns unabweisbar das Bedürfnis nach Ruhe und Muße? Auch das Bedürfnis nach Sinn. Neuerdings gehört es bekanntlich zum Programm eines zeitgenössischen Nichtgläubigen oder Ungläubigen, auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela zu pilgern. Widersprüche über Widersprüche! Da ist offenkundig noch etwas in uns: der Traum nach dem richtigen Leben, das dem Menschen als evolutionäres Wesen angemessen wäre. Wir sind eben doch bedürftige Kinder der Natur.

Dies führt uns zurück zu den Beitlschen Kühen. Im Katalog einer früheren Ausstellung hat Theresa Beitl gefragt: „Was wären wir Menschen ohne die Tiere?“ Und sie hat die, wenngleich als Frage verkleidete, Antwort gegeben: „Hungernde – dürstende – einsame – gelangweilte – schmucklose – frierende Wesen? Und: Wie sieht unsere Gegengabe aus?“ In diesen Fragen erkenne ich das Motiv der Themenwahl ihres aktuellen künstlerischen Schaffens. Das Rind ist eines der ältesten domestizierten Tiere, die es auf der Welt gibt. Es ist Zugtier, Lasttier, Nahrungstier, Kleidungstier für den Menschen. Deshalb genießt es in vielen Kulturen hohe Wertschätzung, in der Mythologie wie im Alltag. In der westlichen Welt fehlt heutzutage diese Hochschätzung, und das scheint mir bezeichnend. Da die meisten Zeitgenossen keine Bauern sind, die fast als einzige eine ständige, die Lebensgrundlage sichernde Beziehung zu Tieren haben, fehlt uns diese existentielle Nähe zur belebten Natur. Wir Stadtmenschen spazieren durch sie, wenn überhaupt, und möglichst bei sogenanntem schönem Wetter.

Auch Theresa Beitl ist keine Bäuerin, sie ist in der Großstadt geboren und aufgewachsen. Doch führen ihre familiären Wurzeln in die österreichischen Berge, und sie kennt das Land und die Bauern, sie lebt immer wieder für längere Zeit im Montafon oder im Schweizer Voralpenland. Auch mit Hilfe dieser Studienaufenthalte hat sie ihren eigenen Weg gefunden, sich den Tieren wieder zu nähern, nämlich mit den Mitteln der Kunst. Sie setzt sich malerisch mit dem Verhältnis von Tier und Mensch auseinander. Die Künstlerin gibt den Tieren ihr eigenes Recht zurück, zumindest im Bild. Durch künstlerische Vergegenwärtigung erhalten sie wieder ihre eigene Würde und Autonomie. Diese Vorgehensweise erinnert mich an eine Aussage von Vincent van Gogh, der sich einmal darüber wunderte, dass außer ihm keiner die herrlichen Zypressen male, in ihrer Schönheit und stolzen Unabhängigkeit, keiner seiner Kollegen habe sie gemalt. Ich nenne die Kunst von Theresa Beitl Malerei gegen die Kommerzialisierung und Ausbeutung von Tieren, die der Mensch wie selbstverständlich praktiziert, weil er sich guten Gewissens das Recht darauf zubilligt. Die Malerin macht einen Schritt in Richtung Aufhebung von Entfremdung, sie setzt ein Gegengewicht zur Virtualisierung und Entstofflichung, von der eingangs die Rede war. Gesprächsweise verwendet sie Worte wie „Bedürfnis nach Vertrautheit“, „Geborgenheit“ und „Heimat“, Bedürfnisse, über die manch einer, der sich darüber erhaben fühlt, die Stirne kraus ziehen mag. Entscheidend ist: Kunst kann auf das Andere, das Nicht-Seiende, aber doch Mögliche verweisen. Theresa Beitl tut es mit fulminanten Kompositionen und expressiven Farben und Formen, die auch jenseits aller Programmatik für sich genommen eine Augenfreude sind. Sie malt übrigens ihre Kühe und Stiere dort, wo es ihnen noch am besten geht, in der naturnahen Tierhaltung der mittelständischen bäuerlichen Wirtschaft des Alpenraumes, und vielleicht machen einige dieser gemalten Rinder deshalb einen so starken, lebenslustigen Eindruck.

Zusammengefasst: Es nützt nichts zu klagen, wie unnatürlich wir leben, und dann doch weiterzumachen. Wir sollten auch den Rigorismus Theodor Adornos beiseitelassen, der da kategorisch erklärte, es gebe kein richtiges Leben im falschen. Lassen wir uns lieber von Theresa Beitl anregen und suchen wir jeder unsere eigene Beziehung zum Konkreten und Gegenständlichen, seien es Kühe oder Schafe, Zypressen oder Blumen, oder andere Menschen. Schaffen wir uns Nähe und Boden unter den Füßen! Die Hinwendung zur „mächtigen, göttlichschönen Natur“, wie Friedrich Hölderlin sie nennt, kann dabei helfen. Im Schönen verhüllt sich das Göttliche, sagt Hölderlin, und somit gleichermaßen im Rind, das übrigens auch keineswegs dumm ist. 

Und noch eins können uns die Gemälde von Theresa Beitl aufweisen: die Hinwendung zur Natur kann die Wiedergewinnung von Freiheit bedeuten. Am Beispiel des „Urtyps“ Stier, dem eine ganze Serie von großformatigen Bildern aus dem letzten und diesem Jahr gilt, zeigt uns die Malerin das Potential an Energie, Kraft und Freiheit, das die Natur in sich birgt. Mit den Worten der Künstlerin: „Gerade in der Unnahbarkeit liegt unsere Faszination begründet: ein nicht zu unterwerfendes Geschöpf ragt heraus aus gebändigter, gezähmter Umwelt, es verkörpert den starken Ursprung, die Freiheit, das Unbändige anstelle des Maßvollen – ein Relikt aus mythischen Anfängen, das hinüberragt in unsere eingezäunte Welt.“

 

Dr. Jürgen Baumgarten

Berlin, im August 2008